12 Tage Winter – Nord

Wer wie wir, schon das eine oder andere Mal Norwegen mit dem Fahrzeug bereist hat, weicht für einmal auf das Flugzeug aus. Unser Ziel, vielmehr unser Ausgangspunkt der Reise ist Bergen

ZRH – AMS – BGO, nennt sich die Kurzform der Anreise ins norwegische Bergen. Der Anflug auf Bergen ist sehr zu empfehlen. Beste Sicht auf eine sehr hügelige, scheinbar ins Wasser gepresste Landschaft. Irgendwie erinnert mich das Gesehene an eine etwas zu gross geratene, völlig überladene Modelleisenbahn. Auf engstem Raum alles, was eine weitläufige Landschaft zu bieten hat – Farbnuancen im vollen Programm.

Knapp in der Zeit, mal eben das Gepäckband suchend und schon auf dem Weg, um den Taxistanz zu erobern.

Die Taxifahrt zum Hurtigrutenterminalen kostet mal eben 375 Kronen – oder 48 Euro. Der »Flybussen« gleich neben dem Taxistand, mit dem vermeintlich verlockenderen Transferpreis von 150 Kronen pro Person. Doch der Charme sich weltmännisch in ein Taxi zu setzen spricht eben doch für sich. Einmal abgesehen davon, dass das Taxi bis zum Hurtigrutenterminalen fährt, der Bus jedoch nur bis zum Sammelplatz im „Sentrum“ von Bergen.

Dank der rasanten Taxifahrt ins „Sentrum“ von Bergen (norwegisch gesprochen, bärgen) ist die zeitliche Bedrängnis bezüglich Pünktlichkeit etwas in den Hintergrund gerückt. 16:15 Uhr das Taxi fährt direkt vor dem Eingang des Hurtigrutenterminalen vor, näher geht es beim besten Willen nicht. Nur ein paar Reisende stehen am Check-in-Schalter um frühzeitig einzuchecken. Sonst herrscht am Terminal noch ausgesprochene Ruhe. Ein kaum verständliches Gedudel aus dem hoch oben an der Decke montierten Lautsprecher unterbricht vergebens die Stille.

Das Einchecken dauerte gerade mal zwei Minuten. Und das Gepäck durften wir auch gleich auf das Förderband legen. Die MS Nordnorge hatte zwar schon ihre Türen geöffnet und das Boarding ist freigegeben, die Kabinen jedoch können erst ab 18:00 Uhr bezogen werden. Während wir noch schnell überlegen, wohin unser Bummel durch die Stadt gehen soll, kurvten die Heinzelmännchen im Hintergrund mit unserem Gepäck bereits Richtung MS Nordnorge.

In Bergen fühlen wir uns aus vergangenen Besuchen schon fast Zuhause. Erfreulicherweise zeigt sich die weithin als regenreichste Stadt Europas mal wieder von ihrer schönsten Seite.

Bergen ist allemal ein Spaziergang wert. Das Bummeln durch alte Strassen mit ihren alten, aufwändig restaurierten Holzhäusern, ein unvergessliches Erlebnis. In ganz Bergen gibt es nicht eine einzige horizontale Strasse, entweder es geht rauf oder eben runter. Bergen, gebaut auf sieben Fjorden, sieben Inseln, sieben Bergen.

In den alten Stadtteilen sind die Pflastersteine eine Einladung zu einer perfekten Fussmassage. Und dies noch vor Reisebeginn.

18:00 Uhr  – Die MS Nordnorge öffnet ihre Tore

Backbord erreichen wir die MS Nordnorge auf Deck 5 über die Gangway vom Terminal her. Jetzt noch unsere Kabine Q610 finden. Kompassunterstützung scheint nicht gross von Nöten zu sein, zumal, wie die Zahl 6 vermuten lässt, unsere Kabine auf Deck 6 zu finden ist. Andere Passagiere der Nordnorge versuchen ihr Deck mit dem Aufzug zu erreichen, doch wir mal kurz die Treppe hoch und schon stehen wir vor Q610.

Q610 – Steuerbord. Das ging ja leichter als zu vermuten war. Unsere Kabine eine Minisuite vom 20m², mit komfortablem Doppelbett. Um dies zu erreichen, müssen wir erst an der Sitzgruppe vorbei. Doch, hier lässt es sich leben.

Bevor wir uns auf den Weg in eines der Bordrestaurants machen, kommt eine Erfrischung unter der Dusche nach dem Auspacken und Verstauen der Kleider gerade richtig. Das Badezimmer vermisst leider etwas die Grosszügigkeit der Kabine wiederzugeben, besonders die Dusche, welche wir trotz intensivem suchen der Grösse wegen fast nicht gefunden haben.

Kurz vor dem ersten Nachtessen an Bord, noch schnell die Bar begrüssen. Doch schon bei der ersten Bestellung lässt einem den Verdacht aufkommen, da will jemand meine Ferienkasse plündern. Infolge der Börsenstruktur bleibt es bei einem Wasser, anstelle Bier, geschweige denn von was Härterem.

Wer schon mal Skandinavien besucht hat, den schrecken die hohen, schon fast utopischen Preise nicht mehr ab – sonst wäre der Eine oder Andere wohl Zuhause geblieben. Anders natürlich für einen Erstbesucher. Während der Eine bei der Durchsicht von Speise- oder Getränkekarten staunt und leer schluckt, versucht sich ein Anderer gerade noch vom Schock zu erholen, bevor er noch rechtzeitig den Sturz vom Barhocker an der Bar-Reeling auffängt. Bloss nicht umrechnen heisst das Motto, welches uns ab sofort Tag für Tag begleitet, egal um welche Summe es geht, es ist so oder so teurer als Zuhause. Warum also sich die Mühe dazu machen.

Bergen, 22:30 Uhr, seit ein paar Stunden dunkel, spiegelt sich die Stadt in der Nachtbeleuchtung. Die Hafenpromenade in voller Festbeleuchtung, von oben herab gleicht sie einem Jahrmarkt mitten in der Stadt.

Ganz oben im 7.Stock – pardon Deck 7 – könnte einer die Stehplätze an der Reeling teuer verkaufen. Versucht sich doch ein jeder, einen Platz an derselben zu ergattern, von wo er sehen kann, wie die MS Nordnorge langsam Fahrt aufnimmt und Bergen Richtung Norden verlässt. Der eine, mit Videokamera oder Fotoapparat steht abseits in der dritten, andere ohne Bild-Equipment egal in welcher Form, selbstverständlich in der ersten Reihe. Erste freundliche Worte unter den Schaulustigen, schliesslich will doch jeder DAS Bild von Bergen bei Nacht machen. Sollten diese nicht ausreichen, hilft mal schnell der eine oder andere Ellenbogen als Unterstützung kurz mit. Etwas weiter unten, hinten auf Deck 6 und 5 das gleiche Schauspiel.

Vor uns stehen 12 Tage Winter, 12 Tage Richtung Norden nach Kirkenes wo die Nordnorge den Rückweg wieder nach Bergen antritt. 12 Tage Kampf an der Reeling um die beste Aussicht und die besten Bilder.

Vor uns liegen Häfen in verschiedenster Grösse, mal nur ein kleines Fischerdorf, welches mit Ladung versorgt wird, dann aber auch Städte, wo der Umschlag mehr als nur 15 Minuten Liegezeit an der Mole bedeutet. Je nach Jahreszeit bedeutet dies bis zu 35 Mal anlaufen, Ladung löschen, Passagiere aufnehmen, auslaufen.

116 Jahre nach der Gründung der Hurtigruten sind die Postschiffe ohne ihren ursprünglichen Auftrag zu mindern, mehr und mehr zu Luxuslinern mit Kreuzfahrt-Passagieren gewachsen. 11 Schiffe, welche zu jeder Jahreszeit täglich an der Westküste unterwegs sind, versorgen speziell in den Wintermonaten, entlegenste Ortschaften an der Küste Norwegens.

Bis zum Frühstück haben wir bereits die ersten Häfen angelaufen, doch die mollige Wärme unter der Decke hat uns mit Erfolg daran gehindert, beim An- und Ablegen der MS Nordnorge dabei zu sein. Als erster Höhepunkt nach dem Frühstück erwartet uns Ålesund (oolesun). Draussen bei schönstem Wetter und 0 Grad empfiehlt sich für Landgänger den Kragen der Jacke an die Ohren zu legen.

11:00 Uhr – der Kapitän lässt bitten! Wir, zu Kapitän Albrigtsen gerufen, und das schon am 2. Tag – aber hallo. Alles halb so schlimm. Die »Besitzer« von Suiten sind kurz beim Kapitän auf der Brücke zur Privataudienz geladen. Nach dem Vorstellen der Crew und der MS Nordnorge über deren Qualitäten können die »Suiten-Besitzer« mal eben auf den Kapitänsstuhl Platz nehmen. Der Eine oder Andere war dem Himmel, zumindest was die Gefühle betrifft, wohl noch nie so nahe.

Bei dieser hochtechnischen, computergesteuerten Angelegenheit, dem gläsernen, mit vielen erstaunlich kleinen Hebelchen bestückten Steuerpult ist es doch sehr erstaunlich, dass das Logbuch von Hand geführt wird. Neben alldem gibt es eine Wahnsinns Aussicht von da oben.

Ich könnte mir hier eine Suite gut vorstellen – doch das ist eine andere Geschichte.

Pünktlich um 12:00 Uhr laufen wir in Ålesund ein. Augen zu, Handbremse bis zum Anschlag ziehen, Ruder rumreissen – die MS Nordnorge steht 180° gedreht an der Mole. Perfekt parkiert, versteht sich doch von selbst.

In den Wintermonaten finden die Hurtigruten-Schiffe den Weg in den spektakulären 15 km tiefen Geirangerfjord leider nicht. Was heisst: Die MS Nordnorge liegt länger an der Mole von Ålesund. Der Winterfahrplan sieht einen Aufenthalt von 3 Stunden vor, welchen wir nutzen und uns in der Stadt die Füsse vertreten.

Die Aussicht vom Stadtberg Aksla soll exzellent sein und man sollte sich diese auf keinen Fall entgehen lassen. Doch die Erfahrung zeigt auch: Jede Aussicht ist oftmals mit Hindernissen bestückt – im Falle von Aksla: 418 Stufen. 2x versteht sich, will doch ein Jeder ein paar Minuten später wieder runter. Doch das ist nur die halbe Wahrheit, die ganze sollte jeder selber in Erfahrung bringen. Kleiner Tipp für den Besucher in den Wintermonaten: Steigeisen mitnehmen. Aller Mühen zum Trotze – die Aussicht ist pompös.

Um 15:00 Uhr heisst es wieder Leinen los, Molde (molde) steht auf dem Fahrplan.

Für die Hurtigruten-Schiffe wurden, wie hier in Ålesund, vielfach besondere Anlegekais gebaut. Gebaut am Rande des Hafens oder zur offenen See hin, damit die Schiffe eine möglichst kurze Zeit für die An- und Ablegemanöver benötigen.

Strahlender Sonnenschein, beinahe wolkenfreier Himmel, das Thermometer an der „Firedoor“ verspricht 4° Aussentemperatur. Mein Gefühl jedoch würde eher auf -4° wetten. Wir sind auf Kurs Richtung Molde. Eine traumhafte Kulisse zieht mit 15 Knoten an uns vorbei. Warum ich das Gefühl habe, ständig draussen sein zu müssen, obwohl der Gegenwind vorne am Bug eher das Gegenteil verlangt, wird einem spätestens dann verständlich, wenn jeder eine solch faszinierende Kulisse selber gesehen hat.

Um 17:30 Uhr macht die MS Nordnorge kurz in Molde fest. 60 Minuten – Zeit genug also die Kleidung von Deck in Hafenbekleidung umzutauschen und dem Hafen einen persönlichen Gruss vorbeizubringen.

Nichts mit dem Gruss vorbeibringen, wem denn? Es scheint als hätten sie Molde schon eingepackt, verstaut, und die Türen geschlossen. Und tatsächlich, in Molde schliessen fast alle Läden um 17:00 Uhr – Gehsteige leer und hochgeklappt. Sofern der Schnee nicht auf den Gehsteigen liegt, und da liegt nicht wenig, wurde dieser wo immer auch möglich zu mehreren Haufen zusammen geschaufelt. Kurzum, wir finden uns wieder an Bord.

Während dem Nachtessen bringt uns die Nordnorge nach Kristiansund.

Kurz vor dem aufsuchen der horizontalen Liegeeinheiten, unserem Doppelbett, laufen wir Kristiansund (kristiansun) an. 60 Minuten Aufenthalt, reicht schon aus, das Pyjama auf dem Kopfkissen liegen zu lassen, um noch schnell mal auf Deck 7 die Umgebung in der Dunkelheit zu betrachten. Ausgestiegen sind wir zu später Stunde dann doch nicht, und dass die MS Nordnorge weitergefahren ist, habe ich im Anschluss unter der Decke nicht mehr mitbekommen.

Scheint schon früh was los zu sein auf der MS Nordnorge. Entweder gehen die letzten langsam zu Bett oder die ersten sind schon wieder draussen auf dem Promenadendeck, um das Einlaufen in Trondheim nicht zu verpassen. In Trondheim treffen sich täglich in der frühen Morgenstunde das nord- und südgehende Schiff am Kai. Neben uns steht die „MS Richard With“. Eine Namensgebung an den Gründer der Hurtigruten.

Wir jedoch, lassen uns noch etwas Zeit mit dem Frühstück. Andere, welche den einen oder andern Ausflug gebucht haben, sitzen schon um 07:00 Uhr beim Frühstück.

Für uns heisst es nach dem Frühstück: Entdecke die alte Königsstadt Trondheim. Nicht wie früher mit Pferd und Kutsche oder Taxi, wie es heute genannt wird, sondern per Pedes. Der Weg zu Fuss in die Stadt führt uns erst durch den Hafen und dessen Industrie, bevor wir über Brücken ein neues Quartier mit Innenhafen erreichen.

Zum alten Hafen geht es rechts runter. Finden viele alte Holzbauten auf Pfählen, die früher als Lager- und Handelshäuser genutzt wurden. Heute befinden sich vermutlich darin nicht gerade die preiswertesten Wohnungen und Büros. Dem Strassenverlauf weiter Richtung Dom, finden wir früh morgens noch geschlossene Insider-Clubs und Strassencafés oder dem Anschein nach noble Wohnungen, gesäumt von Bäumen und Strassen mit eisbelegtem unebenem Stein-Belag.

Man spürt, dass wir langsam dem Norden näher kommen. Das Thermometer an der grossen Anzeigetafel, einer uns unbekannten Bank weiss von -4° zu berichten. Doch würden wir die Gesichter Fragen, würde diese vermutlich etwas tiefere Temperatur zur Antwort geben. Glaubt man jedoch den Augen bezüglich Kleidung der Einheimischen ist es kurz vor Sommerbeginn.

Als grösste Sehenswürdigkeit Trondheims wird der mächtige „Nidarosdom“ genannt. Das grösste mittelalterliche Gebäude Nordeuropas erfuhr 1070 die Grundsteinlegung, wobei man sich mit der Fertigstellung bis 1320 Zeit liess. Lange konnte man sich allerdings nicht am Glanz der Kathedrale erfreuen, zumal zahlreiche Brände in ihr wüteten. Als wäre die Trauer über einen solchen Prachtbau nicht schlimm genug, wurde während der Reformation das Inventar entweder vernichtet oder nach Dänemark verschleppt, wo es zum Teil auch heute noch eingelagert ist. Als die Kathedrale im Jahre 1869 ihren Tiefpunkt als Ruine erreicht hatte, begann Trondheim mit einer äusserst aufwändigen Instandsetzung und Wiederherstellung. Es scheint als sind diese bis heute nicht abgeschlossen.

Der Besucher von heute findet einen sehr dunklen, fast schwarzen, sehr düsteren Innenraum mit kaum vorhandenem Licht. Und dennoch sind bei genauem Hinschauen viele versteckte baulich sehr interessante Details zu erkennen. Dank der Dunkelheit im Innern, fällt einem das Raumhohe Gerüst im Kirchenschiff kaum auf. Zurzeit werden wiederholt aufwändige Renovationsarbeiten durchgeführt, während derer die dunkle Patina an den Wänden entfernt wird.

Der Fussweg brachte uns durch die Innenstadt, vorbei an vielen Häusern jeglichen Alters zurück Richtung Hafen. Beim Sommersitz des Königs noch schnell durch die Fenster ins „Wohnzimmer“ geschaut, bei der „Kommandantur zur See“ die Holzfassade bestaunt. Der nächste Hauseingang, der Weg ins Einkaufszentrum. Während bei den erst genannten Türen ein Tourist vor verschlossenen Türen steht, sieht es beim Einkaufszentrum schon ganz anders aus – verlockend offen. Bevor wir jedoch unsere Kreditkarten an den verlockenden Angeboten etwas strapazieren können, machen wir uns auf dem Weg durch die Altstadt zurück Richtung Schiff.

12:00 Uhr die MS Nordnorge verlässt Trondheim und nimmt Kurs Richtung Rørvik (rörwik). Die Hafenausfahrt verbringen viele auf Deck 5. Doch kaum ist das Schiff an der in die Jahre gekommenen Gefängnisinsel vorbei gefahren, sind die meisten Deckgänger schon wieder in der Wärme drin. Was wen wir ganz im Norden sind? Oder mag das am wartenden Mittagessen liegen?

Langsam gleitet das Schiff durch das von der Landwirtschaft geprägte Landschaftsbild des 130 Kilometer langen und 3. grössten Fjordes – dem Trondheimfjord. Mit dem Blick gegen Land steht der Passagier an der Reeling und spätestens jetzt sollte es da sein, das Gefühl, den Alltag weit hinter sich gelassen zu haben. Sein Handy sollte man dem Meer übergeben um ungestört die, seine Reise geniessen zu können. Der Laptop mit Anschluss wohin auch immer, schon lange streiken sollte. Geht es dann einmal doch nicht ohne, gibt es an Bord die verschiedensten Mittel, die Welt da draussen zu erreichen, weil man scheinbar ohne all das nicht funktionieren kann. Zeiten als man noch einen Funker an Bord aufsuchen musste, um eine Nachricht zu versenden, die sind auf der MS Nordnorge auch schon lange vorbei. Zum Glück! Ich wüsste nicht einmal wie man eine „Depesche“ schreibt.

Am Ende des Trondheimfjordes nimmt die MS Nordnorge gegen 14:00 Kurs nach Norden auf. Bestes Wetter, dennoch lässt einem der Fahrtwind vorne am Bug die Ohren flattern.

Als Ingenieurskunst zu seiner Zeit: »Kjeungsskaer Fyr«. Der Leuchtturm eine bauliche Attraktion schlechthin, mitten im Wasser, auf kleinstem Felsen erbaut. Ein 20 Meter hoher achteckiger Turm, dessen rote Fassadenfarbe im Licht leuchte, als bräuchte er im Gebälk oben keine zusätzliche Leuchtquelle als Wegweiser.

Wiederum Deckbekleidung montieren und raus an die frische Brise. Das ist übrigens eine der Hauptbeschäftigungen innerhalb des Tages. Anziehen, ausziehen, anziehen.

Ein interessantes Stück Strecke, links und rechts kleinste Inseln mit dem einen oder andern Haus gespickt, Felsen und die Nordnorge mittendurch. Wie hatte es doch Kapitän Albrigtsen gesagt: »Der Computer übernimmt zwar viel Arbeit, doch ohne Seekarten geht es doch nicht!«

Wie rechte er hat. 16:15 passieren wir den engen Stokksund (schtokksun). Dieser Sund hat eine sehr scharfe und sehr enge Kurve. Um einen möglichen Gegenverkehr nicht zu überraschen, muss sich der Kapitän mit entsprechendem Signal bemerkbar machen. Au ja, das wird eng – sehr eng sogar. Augen zu und durch.

Die Wettbewerbsfrage des Tages: Wann genau überqueren wir den Polarkreis?

Peter:      07:15:37 Uhr

Claudia:   07:26:42 Uhr

Gemäss Tagesprogramm werden wir gegen 18:15 Uhr bei Folda (folda) wieder freies Wasser erreichen. Die nächste offene Seestrecke auf dem Weg in den Norden. Das Abendziel heisst Rörvik (rörwik). Rörvik ein kleines verträumtes Dorf mit Haltstelle eines Kreuzfahrtschiffes. Das ist in etwa so zu verstehen, als würde in einem Bauerndorf ein Intercity mal eben stoppen. Bei uns kaum vorstellbar, in Rörvik, eine Selbstverständlichkeit

Mit etwas Glück wird die MS Nordnorge gleich neben der MS Nordstjernen liegen, sofern die Zeit reicht, werden wir mal kurz drüben Hallo sagen.

Hat dann wegen der Zeitüberschreitung vom Nachtessen leider doch nicht gereicht.

Im Anschluss an das Nachtessen spielt im Dachgeschoss – Deck 7, die allabendliche Liveband, oder vielmehr das Live Duo. Schaut man sich in der Bar etwas um, könnte einem ungewollt der Gedanke aufkommen hier finde eine Ü70-Party statt. Ohne böse Hintergedanken sieht es in der Tat so aus, als ob die MS Nordnorge voller Gäste jenseits der 70 wäre. Gar so einseitig nun dann auch wieder nicht, doch Gäste um 45 gehören mitunter schon bald zu den jüngsten auf dem Schiff.

22:30 Uhr, während wir der Party und der Nacht Tschüss sagen und es uns unter der Decke bequem machen, fährt die MS Nordnorge weiter nach Brønnøysund (brönnöisun).

Die letzte Nacht war gewohnt ruhig. Entgegen allen Befürchtungen über mögliches schlechtes Wetter während der Überfahrt nach Kirkenes, sehen wir uns bisher vielmehr mit schönstem Wetter konfrontiert. Hin und wieder mal eine kühle Brise in Front, aber dennoch sonnig und trocken.

Ausnahmsweise stellen wir den Wecker auf 06:30 Uhr. Ausserhalb der Ferienzeit eine mehrheitlich normale Zeit um aufzustehen, doch in den Ferien die Zeit, bei der wir uns nochmals in die Daunendecke kuscheln. Doch auch zur Ferienzeit heisst es, keine Regel ohne Ausnahme. Frühmorgens die winterliche Deckbekleidung montiert, Fotokamera frisch geladen unterm Arm, runter auf Deck 5 – prominieren früh morgens. Welch eine Überraschung, da gibt es tatsächlich welche, die die gleiche Wahnsinnsidee hatten so früh auf Deck 5 zu sein. Darunter auch Gäste der Ü70-Party von gestern Abend. Und das nur wegen einem runden Stahlgeflecht namens Globus auf einem Felsen montiert, welcher den Verlauf des nördlichen Polarkreises symbolisiert.

Nein sehen können wir den Polarkreis nicht, vielmehr symbolisch soll der Globus als Hinweis dienen. Er ist ein unsichtbarer Ring um die Erdkugel auf 66°33’51“ Nord, welcher den südlichsten Punkt markiert, an dem die Mitternachtssonne 24 Stunden lang scheint. Dabei sprechen wir von der Mittsommernacht.

07:13:37 Uhr passieren wir mit Getöse und einem Gruss von der Brücke, den nördlichen Polarkreis – jetzt schläft auch der letzte nicht mehr.

Das Licht draussen, alles andere als empfehlenswert, fordert meine Nikon richtig heraus – fotografische Ausbeute dennoch äusserst mager. Bei der nächsten Vorbeifahrt, südwärts, werden wir bezüglich Licht, zu etwas späterer Zeit vorbeifahren.

10:30 Uhr den Polarkreis wegen der wunderschönen Landschaft, schon fast wieder vergessen, erwartet uns auf Deck 7 König Neptun.

Neptun – der Herr des Meeres, gibt uns auf Deck 7 die Ehre

Gäste, welche den Polarkreis überschritten haben, können sich von König Neptun persönlich taufen lassen. Wie das Protokoll besagt, geschieht dies mittels Schöpfkelle voller Eiswürfel in den Kragen geleert. Unser Eines hat den Polarkreis nicht zum ersten Mal überschritten und überlassen die Taufe denjenigen, die die Ehre einer Taufe durch König Neptun noch nicht bekommen haben. Aufgrund der aktuellen Altersstruktur, die Mehrheit der Passagiere ist doch im fortgeschrittenen Alter, sehe ich da ein gewisses Potential an herzerfrischenden Bewegungen auf sie zukommen. Selbstverständlich wird eine durch König Neptun Getaufte oder Getaufter entsprechend beurkundet. Es scheint, dass König Neptun doch auch etwas in die Jahre gekommen ist, und Kapitän Albrigtsen persönlich um Aushilfe bittet. Der Ehre bewusst, unterstützt der Kapitän König Neptun beim Taufritual.

Nach wie vor ist der Wellengang sehr moderat um nicht gleich zu sagen, kaum vorhanden. Die MS Nordnorge gleitet mit 15 kN der Küste entlang bei welcher wir gegen 12:30 Bodø erreichen.

Bodø (bodö) eine Stadt wie viele andere auch in Norwegen, hat dennoch vermutlich eine Spezialität zu verzeichnen. Ich behaupte mal aus Bodø kommen die besten Eiskunstläufer Norwegens. Der Gedanke dazu ist gar nicht mal so unwirklich. Die Betrachtung der eisfreien Strassen noch verständlich, sieht es bei den Gehsteigen schon ganz anders aus. Bis zu zehn Zentimeter dickes blankes Eis. Ein paar Splitter hier, ein paar dort, doch alles in allem, splitterfreie Gehsteige. Den Einheimischen etwas auf die Schuhe geschaut, und…. nein, Schlittschuhe tragen sie keine, doch Schuhe wie Touristen sie tragen, welche gerade im etwas behäbigen Skatingschritten Richtung Hafen unterwegs sind, auch nicht.

Überfahrt über die offene See zu den Lofoten – dem landschaftlichen Paradies Norwegens. Nicht, dass das was wir bisher gesehen haben nicht Sehenswert ist, ganz im Gegenteil, doch was die Lofoten betrifft, sind diese in der Liga der Sehenswürdigkeiten mindestens eine Stufe höher anzusiedeln. Vorausgesetzt, und das ist bei weitem nicht selbstverständlich, es schönes Wetter ist. Doch zuerst die 3-stündige Überfahrt nach Stamsund (schtamsun). Wie schon des Öfteren, auch heute sehen wir die Lofoten leider nicht. Nicht des schlechten Wetters wegen, sondern vielmehr weil die Sonne schon am Horizont beim Erreichen von Stamsund verschwunden ist.

Nur ein Halt von 30 Minuten, welcher sich den wechselnden Fahrzeugen wegen die ein- und ausgeladen werden, ein paar Minuten hinauszögert. Erstaunlich viele Gäste verlassen die MS Nordnorge, allen voran eine Schar Pfadfinder, deren Eltern draussen im Schneegestöber schon auf sie warten.

Während die MS Nordnorge nach Svolvaer (swolwär) weiterfährt, sehen wir uns mal im Speisesaal um.

Bis Svolvaer hat der Kapitän die zu viel benötigten Warteminuten in Stamsund schon wieder wettgemacht. Beim Gas geben ist auch das Servicepersonal beim Nachtessen, obwohl es ihrerseits keine Zeit aufzuholen gibt, hinterlässt das Servicepersonal den Eindruck in Svolvaer ebenfalls von Bord gehen zu wollen.

Dem Gast, noch nicht am Tisch warmgesessen, wird schon das Dessert serviert. Das ging so schnell, dass auch wir von der 2. Gruppe beim Nachtessen noch die Möglichkeit haben Svolvaer den Gruss persönlich vorbeizubringen.

Mehr als den Gruss vorbeibringen, liegt nicht drin. Der Schnee kommt einem quer entgegen, also nichts wie rein in die „warme Stube“.

23:00 Uhr – Deck 7, let‘s have a party und Vollmond war gestern.

Während wir am Trollfjord vorbeifahren, gibt es auf Deck 7 frische »Fiskekaker« von der Küchencrew serviert. Fiskekaker, der norwegische Ausdruck für Fischfrikadellen. Und weil wir am Trollfjord vorbeifahren, heissen die eben auf gut Deutsch, Trollfjordfrikadellen. Dazu gehört selbstverständlich auch der »Trollfjordknerten« (Trollfjordschnaps) serviert.

Die spätnächtliche Überraschung vom Kapitän in den Trollfjord reinzufahren, musste kurzfristig wegen Schneetreiben und schlechter Sicht „verschoben“ werden. So blieb bei einer nichtsehenden 360°-Pirouette der MS Nordnorge – es war das perfekte Wetter für die Trolle.

Wir haben in verschlafen, den Eingang zu einer der schönsten Seestrecken auf unserer Fahrt in den Norden. Doch die 26km lange Raftsund-Passage werden wir auf dem Rückweg nach Bergen, wie viele andere äusserst interessante Blickfänger, geniessen können.

Ein sehr grosser Teil welcher bei der nordgehenden Fahrt nachts befahren wird, wird bei der Südgehenden am Tage befahren. So hat ein Gast die Möglichkeit, Verpasstes nachzuholen oder aber zu „verschlafen“.

Als wären sie verhext, die Lofoten. Kaum haben wir sie verlassen wird das Wetter wieder viel besser, nichts mehr mit Schnee, welcher quer daher kommt, nichts mehr mit Nebel, sondern wieder blauer Himmel. Es soll einfach nicht so sein, dass wir den Lofoten einmal bei schönem Wetter begegnen.

Tromsø – auch Paris des Nordens genannt, erreichen wir im Laufe des Nachmittags. Tromsø das Tor zum arktischen Meer, war in der Vergangenheit oft Ausgangspunkt zahlreicher Polarexpeditionen.

Im „Polarmuseet“ und im Erlebnis-Zentrum „Polaria“ haben Besucher die Möglichkeit mehr über Norwegens polare Geschichte zu erfahren. Allen voran Roald Amundsen.

Zwischen den beiden Einkaufsstrassen fast wie eingeklemmt, die hölzerne Dom-Kirche, mit ihren 750 Plätzen gilt sie als einer der grössten Norwegens, welche, sofern diese offen ist, besucht werden sollte.

Solltet ihr gleich beim Eingang einen Spielplatz für Kinder vorfinden, nicht allzu erstaunt sein, denn das gehört zu der Kindererziehung in Norwegen. In öffentlich zugänglichen Häusern gehört der Kinderspielplatz dazu wie eine Türe.

Die Eismeerkathedrale „Ishavskatedrale“ auf der andern Seite des Sundes ist aufgrund ihrer eigenwilligen modernen Architektur und der grossen Glasmosaikfenster weltberühmt. Einwohner eines gewissen Landes würden sogar behaupten, die Kirche käme gleich nach der Toblerone. Bei aller Bescheidenheit natürlich.

Von allen Städten, die wir auf der Reise kennenlernen durften, ist Tromsø diejenige, die den Titel »Norwegian Aborigine« wirklich verdient hat. Jede Menge Geschäfte, Bars, Restaurants. Leben eben.

Mag vielleicht daran liegen, dass dieser Teil von Finnmarken hier die letzte Bastion von urbanem Leben ist. Ausgehend davon, dass es weiter nördlich nur noch Lachsfarmer, Hochseefischer und Eisbärenjäger geben soll.

Ab Tromsø „segeln“ wir vorbei an der Eismeerkathedrale in allabendlicher feierlicher (Fest-)Beleuchtung weiter Richtung Nordkap.

Hammerfest die nördlichste Stadt auf dem Globus haben wir in den Morgenstunden mit halboffenen Augen durch die Kabinen-Fenster gesehen. Einen persönlichen Besuch, verschieben wir auf die Rückfahrt.

Im Laufe des Nachmittags, wenn das Schiff einen der grössten Vogelfelsen Norwegens, den Sværholtsklubben, sowie die Felsformation Finnkjerka passiert, könnten die Ornithologen unter den Passagieren auf ihre Kosten kommen. Doch das Wetter hier oben, zieht mal eben alle Register  und Kaproiolen.

Erst Sonne, Sekunden später ein quer daher kommender Pseudo Schnellfall. Die Temperaturen im Plusbereich, und wir mitten drin auf Deck 7.

Irgendwo im Niemandsland und dennoch gleich um die Ecke Havøysund (hawöysun). Ein kleines beschauliches Dorf, welches aussieht als wäre es über Nacht eingeschneit worden. Der Aufenthalt hier 15 Minuten. Der Tourist steht verwundert an der Reeling von Deck 5. Verwundert deshalb, weil er sieht wie viele Passagiere in solch verlassenen Gegenden wie Havøysund von Bord gehen oder zusteigen. Doch im Wissen hier verlaufen sich nicht einmal die Füchse ohne die Hurtigruten, sieht man einmal wie wichtig die Postschiffe sind.

Nächste Haltestelle Honningsvåg (honningswog).

Umsteigen auf den Bus.

Eskild Ognes, der Bordreiseleiter, verkündet, wie immer in drei Sprachen, das Vorgehen des nächsten Landganges. Wann wir an- und wieder ablegen. Diesmal steht der Besuch des Nordkaps auf dem Programm. Für uns, Nein danke, wir waren schon auf dem Felsen. 17. Mai, mitten in der Nacht – Mitternachtssonne, perfektes Wetter und vor allem – alleine. Mal abgesehen von einem Italiener am Handy, der so laut geschrien hatte, den hörte man bestimmt auch ohne Handy in Italien.

Eskild verkündet, dass gegen 200 Personen umsteigen und die Fahrt zum Nordkap mitmachen. Wir jedoch, bleiben bei Schneefall und „Nebel“ auf der MS Nordnorge. Und geniessen erst einmal bei nahezu leerem Speisesaal das Mittagessen.

Im Anschluss daran stand auf unserem Programm das Motto: ausgiebiger Spaziergang zu Fuss durch Honningsvåg mit angepasster Strassenbekleidung.

Anhand der Bekleidungen lässt sich sehr schnell erahnen, wer Tourist ist und wer einheimisch. Während die Einheimischen bereits den Frühling spüren und entsprechende Kleidung tragen, kommt der Tourist gerade mal als verpackter „Schneemann“ die Strasse runter.

Mal eben auf der Strasse, kreuzen wir die Ambulanz. Gleich um die Ecke sehen wir auch schon ihren Standplatz. Ich hätte das Haus dahinter für ein Zwei- oder Dreifamilienhaus gehalten, ist es doch tatsächlich ein „Sykestue“ (Seuchenstube).

Wir schlendern über die schneebedeckte Strasse durch den Ort, nichts von Schwarzräumung. Eben noch mit dem Radlader über die Strassen gefegt, wird dem Gehsteig bezüglich Räumung keine Achtung geschenkt.

Honningsvåg mit seinen vielen bunten Häusern, welche auf mich sehr pittoresk wirken, scheinen wie ein Kragen an den Hängen um den Hafen gebaut zu sein.

Eine Frau die Strasse herunterkommend, fährt mit einem unbekannten an uns Gerät vorbei. Weder ein Rollstuhl ohne Räder, auch kein Rollator, noch ein Schlitten an welchem die Hunde fehlen. Sie fährt einen Steh-Schlitten. Benutzt wie ein Tretroller hinterlässt das Gefährt einem Unwissenden einen etwas irritierenden Eindruck. Das Gefährt erscheint erstaunlich schnell und wendig zu sein, zu Fuss der Dame zu folgen, fast unmöglich.

Kinder üben sich zwischen den Häuser in einer Schneeballschlacht. Bis zu den sich darüber amüsierenden Touristen, ist die Distanz zum Glück dann doch zu weit, als dass wir im Kampf ungewollt miteinbezogen werden. Der Nachbar schaufelt vom nächtlichen Schneefall den Hauseingang frei und ein Haus später steht noch der Wäscheständer im Garten, welcher auf frisch gewaschene Wäsche wartet. Bei -15° selbstverständlich.

Nein in Honningsvåg gibt es nichts, was wir nicht schon von Zuhause kennen, ausser eben von allem ein „bisschen“ und vielleicht noch ein bisschen mehr. Schnee, Kälte, Wind, Wasser, etc. etc.

Wieder an Deck zurück wird hungernden Passagieren heisse Schokolade und Apfelküchlein auf Deck 7 angeboten. Wo wir doch schon einmal oben sind, können wir die von einem Fischer vorbeigebrachten riesengrossen Königs- bzw. Kamtschatka-Krabben bestaunen. Und ich bin mal auf das heutige Nachtessen gespannt.

Nachtessen heute Abend ist ein Buffet, genauer gesagt: Nordkap Buffet. Die Beschreibung in der Speisekarte liest sich verführerisch.

…Basierend auf den besten nordnorwegischen Zutaten der Saison…

…Meeresfrüchte dominieren das Buffet…

…saftige Königskrabben… hallo, Königskrabben, wo kommen die den her… schmunzel

…getrocknetes Rentierfleisch…

So ungefähr könnte eine Meldung vielleicht schon morgen in irgendeiner Zeitschrift stehen. Um dies möglichst zu verhindern und ein Restrisiko verschwindet klein zu halten, heisst es….

….piep, piep piep, piep, piep piep, piep, piiiiiiiiiiiiiiep

An den Türen der Kabinen hängen rote Tücher, draussen auf Deck kleidet sich ein Teil der Besatzung zu Feuerwehrmann und -frau um. Andere wiederum ziehen speziell bekleidet durch die Gänge um Passagiere, zumindest einmal auf Deck 5, zu evakuieren. Supponiert selbstverständlich.

Doch, wie es scheint, nimmt die Crew den Test nicht so richtig ernst. Nichts mit hastig, nichts mit lautem Geschrei von wegen Feueralarm auf Deck 5, alles raus. Vielmehr lockere Gespräche, lachen hier, lachen dort.

Während drinnen mittlerweile alle Türen als evakuiert gekennzeichnet werden, versucht man Steuerbord auf Deck 5 eines der Rettungsboote klar Schiff zu machen. Crewmitglieder supponieren als evakuierte Passagiere. Doch wie sich herausstellt, ein Unterfangen, welches alles andere als gelingen sollte. So bleib der beübten Crew die Möglichkeit das Rettungsboot „vorzufahren“ vorenthalten, und die Übung wurde für beendet erklärt.

Für einen Betrachter, wie einem Teil der Passagiere, welche die fröhlich anmutende Übung ein Stück weit mitverfolgte, nimmt diese mit komischen Gefühlen zur Kenntnis. Besonders dann, wie sich zeigen sollte, unter den Passagieren auch Materien-Kennende untergemischt sind.

Der „Euphorie“ der Crew ist gut zu wissen: „Heute sind wir, wie alle 12 Tage, in Honningsvåg, und irgendeinem wird sicher wieder irgendetwas zu einer möglichen Übung einfallen!“ Stimmt den Verlauf einer solchen Übung alles andere als glücklich und ambitiös. Geschweige denn in einem allfälligen Ernstfall.

Trotz allem Können oder Nicht-Können – es ist der Eindruck, welcher hinterlassen wird, der zählt.

Das Buffet ist offen während wir das »NORDKYN« umrunden. Nordkyn, 71° 08’ 00 N, ist der nördlichste Punkt des europäischen Festlandes. Und wenn jetzt jemand dachte, das Nordkap sei… reingefallen, stimmt nicht, das Nordkap ist nur 2. geworden.

Heute verlassen wir das ruhige Nordmeer und biegen in die Barentssee ein. Erster Hafen, Mehamn. Die Barentssee, bekannt für ihre Wetterkapriolen, kann unangemeldet das Wasser unangenehm „aufschäumen“ lassen. Auf Deck 6 ist zumindest eine leichte Zunahme des Wellenganges spürbar, doch bis anhin halten sie sich sehr zurück. Wohl keine Lust zu grösserem. Von Passagieren, welche mit „körperlichen“ Problem an der Reeling stehen sollen, lässt sich bis zu diesem Zeitpunkt nicht berichten.

Nordlichter, welche jeder Passagier an Bord sehnlichst erwartet und noch so gerne sehen möchte, wurde bis anhin nicht gesehen. Das wird auch die kommende Nacht nicht ändern. Schneefall ist angesagt.

Mit Zähneklappern standen sie, die Passagiere, noch so gerne an Deck, Mützen so gross, dass sie bis zu den fröstelnden Knie reichen, Halstücher so lange, man könnte die MS Nordnorge damit einwickeln. Bei den Schuhen bekäme selbst Buzz Aldrin, als er auf dem Mond war, rote Ohren. Mann und Frau sind eingepackt – doch egal aus welcher Richtung kommend, Schnee und Wind hat Vorrang.

fortsetzung …….

12 Tage Winter – südwärts mit der MS Nordnorge